Die Therapeutische Kompetenz der Pferde – Zweite Rezension von Elisabeth Schäfer in „Die Psychotherapie“ (Springer Medizin 1/ 26 S. 43)

Allgemein

Nach der ersten Rezension von Esther Hutfless im „Deutschen Ärzteblatt PP“ (s.u.)  freuen wir uns über das Erscheinen einer zweiten Rezension von Elisabeth Schäfer in der Januarausgabe der „Psychotherapie“:

„Am Januarmorgen des Jahres 1889 macht sich Friedrich Nietzsche auf den Weg durch die Arkaden von Turin zum Ufer des Po. Auf seinem Weg sieht er, wie ein Kutscher sein Pferd misshandelt. Nietzsche eilt herbei, umarmt den Hals des Tieres, hielt es fest umschlungen – und brach schließlich zusammen. Sein Vermieter wurde gerufen und brachte ihn zurück in die Wohnung. Dieser Augenblick, so die Überlieferung, markiert die Zäsur, die Nietzsches Leben in zwei Teile bricht – in die Jahre des schöpferischen „Davor“ und die elf Jahre geistiger Umnachtung bis zu seinem Tod im Jahr 1900. Auch wenn historische Zweifel bestehen, hat sich die Szene als eine Art kulturelles „Mem“ stets gehalten, das in Literatur und Philosophie weiterlebt und symbolisch für einen Bruch mit der Logik menschlicher Herrschaft über die Natur gelesen wird. Unabhängig von ihrem tatsächlichen Geschehen entfaltet die Erzählung von der Pferde-Umarmung eine eigenständige Wirkmacht, die Nietzsches Denken in einen Resonanzraum des Mitgefühls, der Verletzlichkeit und schließlich auch der Überwindung der hierarchischen Differenz von Mensch und Tier einschreibt.

In ähnlicher Weise finden wir das Pferd, die Pferde als prominente Akteur*innen in dem von Birgit Heintz und Marika Weiger herausgegebenen Band Die therapeutische Kompetenz der Pferde, der 2025 im Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist. Der Band stellt einen innovativen Beitrag zur Psychotherapiewissenschaft dar, indem er die bislang randständige, und oft skeptisch betrachtete pferdegestützte Psychotherapie in den akademischen Diskurs überführt. Die Publikation ist sowohl Ergebnis langjähriger klinischer Praxis als auch zweier mehrjähriger Studienprojekte – Pilotstudie (2019-2020) und Studie (2021-2024) – die unter universitärer Anbindung insbesondere an das Department für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz durchgeführt wurden.

Bereits das Vorwort von Thomas Stephenson verweist auf die epistemologische Brisanz des Projekts: Die Zuschreibung „therapeutischer Kompetenz“ an Pferde eröffnet einen Diskursraum, in dem Grundannahmen über Psychotherapie und Psychotherapiewissenschaft neu befragt werden müssen. Stephenson zeigt, dass die konkrete pferdegestützte psychotherapeutische Arbeit und Forschung von Heintz und Weiger als ein dialogischer Subjektivierungsprozess zwischen Therapeut*innen, Patient*innen und Pferden verstanden werden kann, der neue Möglichkeitsräume für psychotherapeutische Prozesse eröffnet.

Besonders hervorzuheben ist die partizipative Dimension des Bandes: Patient*innen treten nicht (nur) als Objekte von Forschung auf, sondern auch als Expert*innen ihrer eigenen Geschichte und Erfahrung. In Interviewsequenzen, gemeinsamen Reflexionen, tiefenhermeneutischen Videoanalysen etc. erhalten ihre Stimmen Gewicht und werden gleichberechtigt in die wissenschaftliche Dokumentation integriert. Damit wird ein innovativer Beitrag zu einer emanzipatorischen Psychotherapiewissenschaft geleistet, der auch ethisch wegweisend ist.

Die Stärke des Bandes liegt zudem in seiner multiperspektivischen und methodenintegrativen Anlage. Neben klinischen Fallvignetten und qualitativen Analysen finden sich mythologische, linguistische und kulturwissenschaftliche Reflexionen, die verdeutlichen, dass pferdegestützte Psychotherapie mehr ist als eine Behandlungstechnik – sie eröffnet neue Denkweisen über das Verhältnis von Körper, Sprache und Beziehung.

Im Kapitel 1 des Bandes geht Birgit Heintz auf die mythologische Figur des Kentauren Chiron ein, der als unsterblicher Heiler selbst durch eine unheilbare Wunde gezeichnet ist. Diese Figur wird zur Metapher des „verwundeten Heilers“: Psychotherapeut*innen können gerade durch ihre eigenen Verletzungen, Leidenserfahrungen und Begrenzungen besondere Empathie und heilende Kraft entwickeln. Das mag uns auch an die eingangs geschilderte Szene der Umarmung des Pferdes durch den Philosophen Friedrich Nietzsche erinnern. Die philosophische wie auch biographische Bewertung dieser Szene hebt oft hervor, ob die Geste der Umarmung eines misshandelten Pferdes nicht sogar von philosophischer Relevanz für das Gesamtwerk Nietzsches sei und gar eine kritische Perspektive auf dessen Konzeption des Übermenschen liefern könnte. In jedem Fall handelt dieses Narrativ von der Resonanz einer Verwundung, die einem Tier zugeführt wird, in einem Subjekt, das sich davon anrufen lässt und in die Geste der Umarmung findet. Heintz weist im oben genannten Kapitel auch daraufhin, dass wir aus der Antike nicht nur männliche Kentauren sondern auch Kentaurinnen kennen. Abschließend betont Birgit Heintz, dass in der pferdegestützten Psychotherapie die Wahrnehmung körperlicher Signale, Empfindungen und Emotionen sowie eine körpersprachliche Kommunikation im Mittelpunkt steht. Die gemeinsame Beziehung zu den zugleich verletzlichen und kraftvoll-vitalen Pferden und ihrer sensiblen Responsivität eröffnet und vertieft den therapeutischen Erfahrungs- und Symbolraum.

Insgesamt stellt das Werk einen wichtigen Schritt dar, um die Psychotherapiewissenschaft für nichtsprachliche, leiblich-somatische Dimensionen therapeutischer Praxis zu sensibilisieren. Es liefert sowohl für Fachwissenschaftler*innen aus dem Bereich der Psychotherapie und Psychotherapiewissenschaft als auch für Praktiker*innen eine innovative Perspektive und unterstreicht, dass Forschung, die das „Geheimnis“ nicht tilgt, sondern anerkennt, den Diskurs der Psychotherapie um neue, unverzichtbare Perspektiven bereichert.“

Rezension: Birgit Heintz / Marika Weiger (Hg.): Die therapeutische Kompetenz der Pferde. Eine Annäherung zwischen Forschung und Geheimnis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025

Autorin: 

Priv.- Doz.*in Mag.*a Dr.*in Elisabeth Schäfer MAS
Stv. Departmentleiter*in

Sigmund Freud PrivatUniversität Linz
Fakultät für Psychotherapiewissenschaft                                               
Adalbert- Stifter-Platz 2
A-4020 Linz