Pferdegestützte Psychotherapie – zwischen Mythologie, Praxis und Forschung

Einführung zu diesem Artikel:

Verlag de Gruyter, Spiritual Care, Originalia:  

https://doi.org/10.1515/spircare-2022-0022 

Vorab online veröffentlicht 19.10.2022 

Die pferdegestützte Psychotherapie ist ein noch relativ junges Fachgebiet, das sowohl angesichts einer zunehmend normierten und digitalisierten Psychotherapielandschaft, als auch vor dem Hintergrund eines wachsenden Bedarfs an nicht rein sprachgebundenen Therapieverfahren, vor allem von Seiten bindungs- und beziehungstraumatisierter Patient*innen, an Bedeutung gewinnt. Es ist zu hoffen, dass das Bemühen um interdisziplinäre, theoretische Fundierung, die Aspekte aus Ethologie, Neurobiologie, Säuglings- und Psychotherapieforschung berücksichtigt, auch in der Fachöffentlichkeit zu wertschätzender Beachtung führt. Abgeschlossene und aktuell laufende, universitär angebundene Wirksamkeitsstudien leisten diesbezüglich einen entsprechenden Beitrag.

Während der Begegnung mit Pferden in ihrer natürlichen Umgebung verlassen beide Therapiepartner, meist in phasen- oder stundenweisem Wechsel, die gewohnte Situation des ´über etwas – oft Vergangenes – Sprechens´. Sie begeben sich in ein gemeinsames Erleben von Gegenwart, in der sich die inneren Themen der Patient-/in mit dem nun hinzukommenden, hoch sensitiven und responsiven Lebewesen Pferd meist konstellieren und aktualisieren. Im intersubjektiven Kontakt mit dem Pferd treten der nonverbale Bereich und das ´implizite Wissen´ in den Vordergrund. Therapeutin und Patientin befinden sich in einem emotional hoch aufgeladenen Feld, in dem sich Gegenwartsmomente quasi verdichtet ereignen – wobei „der Gegenwartsmoment – auch noch als ein in Worte gefasster – eine ´Welt in einem Sandkorn´ ist“ (Stern, 2005, Der Gegenwartsmoment – Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag, Frankfurt a.M.: Brandes&Apsel). Reflexion und Versprachlichung dieser gemeinsam erlebten Momente intensivieren potenziell den therapeutischen Prozess ebenso wie die therapeutische Beziehung.

Der hier vorliegende Beitrag beleuchtet diese besondere Behandlungsvariante aus der Sicht einer Jung´schen Analytikerin in drei Teilen: der Einführung über die mythologische Metapher des Chiron folgen Vignetten einer pferdegestützten Krisenintervention, im letzten Teil werden einige grundsätzliche Wirkfaktoren pferdegestützter Psychotherapie beschrieben und aktuelle Forschungsansätze skizziert.

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